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26 Bücher Pustet

Aussteller: Johannes Buhl sen. / Krippenverein Regensburg e.V.

Szene:  Anbetung der Könige und Darstellung im Tempel (Simultankrippe)

Figuren: Santons (Provence), Ton, aus dem Jahr 1975

Gebäude: Eigenschöpfung im Jahr 2021

Besonderheit: stilistisch etwas verfremdete Szene („Ganz in weiß“)

Die Figuren der hier ausgestellten Krippe (Standort Buchhandlung Pustet, Gesandtenstraße) stammen aus der Provenςe. Sie gehen in dieser Form auf die Zeit der Französischen Revolution zurück. Zuvor konnten sich Weihnachtskrippen nur das wohlhabende provenςalische Großbürgertum bzw. der Adel oder gut fundierte Klöster leisten. In der Schreckensherrschaft des terreur wurden die Kirchen geschlossen bzw. waren zuvor schon die Klöster säkularisiert worden. Viele Bürger schlossen sich gerade auch im Raum von Marseille dem radikal revolutionären, die traditionelle Religiosität ablehnenden Jakobinertum an. Vor allem breitere Volksschichten empfanden es als Defizit, zu Weihnachten keine Krippen mehr besichtigen zu können.

Dies brachte u.a. einen Steinmetz aus Aubagne (Kleinstadt nahe Marseille) namens l‘Agnel auf die Idee, Krippenfiguren zu schaffen, die sich auch weniger Begüterte leisten konnten. Dazu benötigte man einen sehr viel kleineren Maßstab (Platzbedarf!) und ein rationelles, folglich Kosten sparendes  Produktionsverfahren. Die Figuren, Santons genannt, hatten ursprünglich eine Größe von 12 cm, heute werden sie in standardisierten Maßen von 2 cm, 4 cm, 6-7 cm, 9 cm und 12 cm angeboten. Von einem i.d.R. aus Ton modellierten Prototyp werden großvolumige zweischalige Gipsmodeln (die sog. Moules) abgenommen, mit deren Hilfe pro Form 1.000 bis 2.000 tönerne Figuren gepresst werden können. Ursprünglich trocknete man diese in einem komplizierten Prozess an der heißen Sonne des Midi. Heute werden sie gebrannt, was in einem weiteren Arbeitsgang eine bunte Bemalung erlaubt, von den älteren Santonniers (so die Berufsbezeichnung der Künstler) mit Gouache, von den jüngeren mit Acryl ausgeführt. Damit war in der Provenςe der Grundstein zu einer weitverbreiteten Volkskrippe gelegt, ein Phänomen, das sich gerade zu jener Zeit europaweit verbreitete.

Im Lauf der 200-jährigen Geschichte erweiterte sich das Figurenrepertoire zu vielfigurigen Ensembles. Vorlagen lieferten die Pastourelles (ursprünglich im langue d’Oc verfasste, stundenlange Krippenspiele) sowie das breit gefächerte Berufs- und Volksleben der vorindustriellen Zeit. Auch heute noch erweitern die Werkstätten ihr Sortiment Jahr um Jahr.

Die vorliegende Krippe zeigt schwerpunktmäßig Figuren der Werkstätten von Marcel Carbonnel (Marseilles), von den Familien Fouque (Aix-en-Provenςe), den Werkstätten Pardi (Vater Henry, Tochter Fabienne in St.-Cyr-sur-mere) und Magali aus der Zeit seit 1975.

Die Krippen können in mehreren thematischen Szenen (Erbe des Jesuitentheaters) simultan, d.h. gleichzeitig Ereignisse der Kindheitsgeschichte Jesu zeigen. Im vorliegenden Fall sind dies die Ankunft und Anbetung der Dreikönige und die Darstellung Jesu im Tempel. Beide Begebenheiten beinhalten Hinweise auf aufscheinendes Licht des kommenden Messias (vgl. Epiphanie: „Er-schein-ung“ des Herrn bzw. Lichtmess: „Licht zur Erleuchtung der Heiden“).

Die geschilderte Entwicklung zur Volkskrippe verlief mit verblüffender Homogenität in weiten Teilen Mittel-, West- und Südeuropas gleichermaßen. Insofern kann man von einem europäischen Kulturgut sprechen. Etwa gleichzeitig auftretende keramische Krippenfiguren finden sich im Sechsämterland, im alemannisch-tirolischen Außerfern (Nassereith, Herkunft aus dem Schwarzwald, Gebrüder Falbesoner), in Mittelschwaben („Bachene“), in einem Nachklang zur barocken Blütezeit in Neapel. Hinzukommen geschnitzte Kleinstfiguren der Familien Probst und Giner in Nord- wie Südtirol, im oberpfälzischen Stiftland, in Tirschenreuth, im Salzburger Land und Oberösterreich u.v.m. Der Figurentypos (biblische Personen, alte Handwerksberufe, Entlehnungen aus Krippenspielen, heimische Feste) ist dabei überregional sehr ähnlich, besonders interessant sind aber regionale Abwandlungen.

Die Arbeit der Santonniers, häufig von Frauen (Santonnieres) ausgeübt, blüht derzeit mehr denn je, was nicht zuletzt einem geschickt ausgenutzten On-line-Angebot zu verdanken ist. Eine der Großmeisterinnen, Fabienne Pardi sprach aber davon: „Santonier/Santonniere zu sein, ist kein Beruf, sondern eine Passion (Leidenschaft, hier im Wortspiel Berufung).“

Gesandtenstraße 6-8, 93047 Regensburg